Richtsatzsammlung 2017 – liegt Ihr Betrieb im grünen Bereich?

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Jahr für Jahr werden tausende Unternehmen von der Finanzverwaltung geprüft. Die Betriebe unterscheiden sich dabei nach Größe und Branchenzugehörigkeit. Dennoch versucht die Finanzverwaltung, die Unternehmen einer Branche untereinander vergleichbar zu machen (Umsatz/Gewinn/ Wareneinsatz). Diese Bemühungen fließen dann in die sogenannte Richtsatzsammlung ein. Da nur vergangene Zeiträume geprüft werden können, kann es keine Richtsatzsammlung für das laufende Jahr geben. Daher wurde jetzt die Richtsatzsammlung des Jahres 2017 veröffentlicht (vgl. BMF-Schreiben vom 5.7.2018, Az. IV A 4 – S 1544/09/10001-10, DOK 2018/0507094).

 

 

 

Sie können die Daten der Richtsatzsammlung von 2017 auf 2018 übertragen

 

Die Datenerhebung des Fiskus basiert auf tatsächlich durchgeführten Betriebsprüfungen. Die Schwankungen innerhalb der jeweiligen Jahre sind relativ gering. Daher können Sie die Kennzahlen Ihres Unternehmens des Jahres 2018 ruhig mit denen des Jahres 2017 vergleichen. Liegen Ihre Zahlen da im Schwankungsbereich, ist alles in Ordnung. Eine Betriebsprüfung aufgrund der Richtsatzsammlung haben Sie nicht zu befürchten. Liegen Ihre Zahlen aber unter den Werten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Prüfer bei Ihnen meldet.

 

Der Normalbetrieb ist die Grundlage der Richtsatzsammlung

 

Die Datenerhebung des Fiskus basiert auf dem sogenannten Normalbetrieb. Dies ist ein Einzelunternehmen, das seinen Gewinn im Rahmen einer Bilanz ermittelt. Wird Ihr Unternehmen in der Rechtsform einer Personen- oder Kapitalgesellschaft betrieben, ist die Richtsatzsammlung ebenfalls anwendbar.

Ausnahme: Die Richtsatzsammlung ist nicht auf Großbetriebe anwendbar, da diese Betriebe mit einem Einzelunternehmen nicht mehr verglichen werden können.

 

Der Rohgewinnaufschlagsatz ist die entscheidende Kenngröße

 

Die Richtsatzsammlung gibt für die jeweiligen Branchen einen Rohgewinn I an. Hierbei werden der Umsatz und der Wareneinsatz miteinander verglichen. Dies ist nach meiner Überzeugung der einzige Wert, mit dem die einzelnen Betriebe einer Branche verglichen werden können.

 

Beispiel: Eiscafé

Silvio betreibt ein Eiscafé. Die Herstellungskosten für eine Kugel Vanille-Eis betragen 10 Cent. Die Kugel wird für 1 € verkauft. Der Fiskus rechnet:

 

Gewinnaufschlag Eisherstellung
Erlös 100 Cent
Wareneinsatz 10 Cent
Rohgewinn 90 Cent
Rohgewinnaufschlag 900 %

 

 

Neben dem Verkauf der Eiskugeln werden noch Spezialitätenbecher und heiße Getränke verkauft. Jeweils ein Drittel des Gesamtumsatzes entfällt auf die jeweilige Warengruppe. Da Silvio die Spezialitätenbecher (z. B. Spaghetti-Eis) zu einem höheren Preis verkauft, liegt der Rohgewinnaufschlagsatz über den bisherigen 900 %.

 

Höchste Renditen mit Cappuccino

Der Rohgewinnaufschlagsatz explodiert nahezu, wenn er Cappuccino oder Kaffee verkauft. Gehen Sie hier von folgenden Eckpunkten aus:

Herstellungskosten Cappuccino
Kaffee 1 kg Kaffee kostet 10 €, je Tasse werden 7 g benötigt. Es lassen sich rund 140 Tassen Kaffee (1.000 g/7 g) herstellen. Der Wareneinsatz je Tasse beträgt 7 Cent (10 €/140 Portionen).
Milch 1 l Milch kostet 56 Cent. Je Tasse Cappuccino werden 100 ml Milch benötigt. Sie wird aufge- schäumt und ergibt so ein erheblich größeres Volumen. Der Wareneinsatz je Tasse Cappuccino beträgt 6 Cent.
Wasser Der Wassereinsatz wird vernachlässigt, da er nicht darstellbar ist.

 

Möglicherweise serviert er den Cappuccino mit einem Keks. Dieser bleibt bei der Betrachtung aber außen vor.

 

Gewinnaufschlag Cappuccino
Erlös 240 Cent
Wareneinsatz 13 Cent
Rohgewinn 227 Cent
Rohgewinnaufschlag 1.746 %

 

Halten Sie sich vor Augen, dass der Rohgewinnaufschlagsatz bei Eis bei rund 900 %, beim Cappuccino bei über 1.700 % und bei den Spezialitätenbechern, die das nächste Drittel des Gesamtumsatzes ausmachen, bei ebenfalls über 900 % liegt. Dann muss der Rohgewinnaufschlagsatz dieser Eisdiele zwischen 900 % und 1.700 % liegen. In der Praxis gibt es etliche Betriebe, die deutlich darunterliegen. Die Richtsatzsammlung hilft der Finanzverwaltung, die Betriebe zu ermitteln, die aus Sicht des Fiskus prüfungswürdig sind. Interessant sind für den Fiskus immer die Fälle, die am unteren Rand der Richtsätze liegen.

 

Die Richtsatzsammlung ist kein Allheilmittel

Die Werte aus der Richtsatzsammlung sind ein Hilfsmittel der Finanzverwaltung, um Ihre Umsätze und Gewinne mit denen anderer Unternehmen in Ihrer Branche vergleichen zu können. Dabei will sie Auffälligkeiten feststellen, die auf den ersten Blick unerklärlich sind. Sollte Ihre Buchführung allerdings so fehlerhaft sein, dass dem Finanzamt eine Schätzbefugnis zusteht, dürfen Hinzuschätzungen auch auf der Grundlage dieser Richtsatzsammlung erfolgen, sofern nicht individuell kalkuliert wird. Die Buchführung ist z. B. in diesen Fällen fehlerhaft: Die Bargeldkasse enthält grobe Fehler, Einnahmen sind nicht gebucht worden, Ware wurde schwarz ein- und verkauft. Stellen Sie sich vor, Ihre Betriebskennzahlen weichen von denen der Richtsatzsammlung ab. Würde der Prüfer jetzt Ihren Gewinn erhöhen, würden Sie Protest einlegen. Und das zu Recht! Neben den Abweichungen müssen Ihnen weitere Fehler oder schwere Mängel unterlaufen sein, damit das Finanzamt letztendlich Ihre Umsätze schätzen darf.

 

 

Was passiert, wenn Sie unterhalb der Richtsätze liegen?

Wenn die Kennzahlen Ihres Betriebes unterhalb der Richtsätze Ihrer Vergleichsbetriebe liegen, wird sich auch die Finanzverwaltung fragen, warum dies der Fall ist. Oftmals läuten im Finanzamt die Alarmglocken, wenn der Rohgewinnaufschlag nicht erreicht wird. Hierfür werden z. B. die Eiscafés im Einzugsbereich eines Finanzamts miteinander verglichen. Der Betreiber mit dem geringsten Rohgewinnaufschlagsatz rückt in das Visier der Prüfer.

 

Beispiel

Ein befreundeter Betriebsprüfer berichtete mir, dass sich aus den Geschäftszahlen einer Eisdiele ein Rohgewinnaufschlag von rund 150 % ergab. Die Richtsatzsammlung 2017 geht von einem mittleren Rohgewinnaufschlag von 335 % (die Spanne liegt zwischen 233 und 488 %) bei Eisdielen aus. Auf den ersten Blick wird deutlich, dass das Betriebsergebnis nicht passen kann. In dieser Eisdiele rückte der Prüfer an und stellte fest, dass erhebliche Bareinnahmen nicht im Kassenbuch erfasst worden waren. Die tatsächlichen Zahlen einer Eisdiele habe ich Ihnen vorher in dem Beispiel vorgestellt. Sie werden sich jetzt vermutlich fragen, warum es zu einer so hohen Abweichung zwischen der Richtsatzsammlung und den tatsächlichen Werten kommt.

 

Unternehmen zeigt sich geläutert

Der Grund ist naheliegend: Erst nach Einschaltung der Steuerfahndung wurde der Betrieb durchsucht und sie fand Aufzeichnungen der tatsächlichen Erlöse. Nach Abschluss des Verfahrens und 2 Jahre später ist der Rohgewinnaufschlagsatz des geprüften Unternehmens geradezu explodiert. Das Finanzamt ermittelt jetzt einen Aufschlagsatz von mehr als 1.000 % und sieht daher keinen Grund, eine Betriebsprüfung durchzuführen.

 

 

So sind Sie mit dem Fiskus auf Augenhöhe und schränken Ihr Risiko für eine Prüfung ein

Als Steuerverantwortlichen wird es Sie sicherlich interessieren, wie sich Ihr Unternehmen im Verhältnis zu Mitbewerbern präsentiert. Nutzen Sie diese kostenlose Informationsquelle, die Ihnen der Fiskus mit der Richtsatzsammlung bietet, um Ihr Ranking selbst zutreffend einzuschätzen. Versetzen Sie sich doch einmal in die Rolle des Betriebsprüfers und ermitteln Sie Ihre eigenen Betriebskennzahlen. Die Richtsatzsammlung enthält ein ausführliches Berechnungsschema, mit dem Sie die Kennzahlen Ihres Unternehmens überprüfen können.

 

Autor: Markus Kahr

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